Nach den Brüdern Grimm – in unsere Zeit versetzt

Der Hase und der Igel

ab 4 Jahren · 4 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal ein sonniger Sonntagmorgen im frühen Herbst. Am Rand der Stadt lagen die Kleingärten. Die Gärtner saßen mit ihrem Kaffee vor den Lauben. Die Sonnenblumen nickten im warmen Wind. Herr Igel stand vor seinem kleinen Haus unter dem Holunderbusch. Er summte ein Liedchen, so gut ein Igel eben summen kann. Drinnen wusch Frau Igel die drei Kinder und zog sie an. „Ich schaue mal nach den Rüben“, dachte Herr Igel.

Am Weg kam ihm der Hase entgegen, groß und sportlich. Er trug ein weißes Schweißband. Seine Laufuhr zählte jeden Schritt. „Guten Morgen!“, sagte Herr Igel. Doch der Hase grüßte nicht zurück. „So früh schon unterwegs? Mit deinen krummen Beinchen?“ Das ärgerte Herrn Igel sehr. Über seine Beine ließ er nichts kommen. „Wetten, dass ich schneller laufe als du?“ Der Hase lachte sich kringelig. „Wer verliert, holt frische Brötchen für alle!“

„Erst frühstücke ich noch“, sagte Herr Igel. „In einer halben Stunde am Rübenbeet.“ Zu Hause erzählte er Frau Igel alles. Frau Igel lachte. „Mit dem Hasen? Um die Wette?“ Dann wurde ihr Lachen zu einem Grinsen. „Pass auf, ich hab eine Idee.“ Die beiden steckten die Nasen zusammen und flüsterten. Die drei Kleinen kicherten mit. Denn Frau Igel sah genauso aus wie Herr Igel. Stachel für Stachel, Nase für Nase.

Mitmachen: Flüstert einmal zusammen: Was könnte der Plan von Frau Igel sein?

Das Rübenbeet war lang. Zwei lange Furchen liefen darin nebeneinander. Frau Igel versteckte sich ganz hinten am Ende der einen Furche. Herr Igel wartete vorne am Start. Der Hase hüpfte schon auf und ab. Piep, piep, machte die Laufuhr. „Drei, zwei, eins – los!“ Wusch! Der Hase sauste davon wie der Wind. Herr Igel aber machte nur drei kleine Schritte. Dann duckte er sich in die Furche. Und saß ganz still.

Mitmachen: Macht mit: Piep, piep – drei, zwei, eins, los!

Der Hase rannte, dass ihm die Ohren flogen. Am Ende des Beetes bremste er. Da tauchte Frau Igel aus der Furche auf. „Ich bin schon da!“ Der Hase starrte. Er dachte, es sei Herr Igel. „Das gibt's doch nicht! Noch mal! Zurück!“, rief er. Und wusch, raste er wieder los. Am anderen Ende tauchte Herr Igel auf. Ganz gemütlich. „Ich bin schon da!“

Mitmachen: Ruft gemeinsam ganz gemütlich: „Ich bin schon da!“

Hin und her rannte der Hase, immer wieder. Seine Uhr zählte mit: zehn Läufe, dreißig Läufe, fünfzig Läufe! An jedem Ende saß ein Igel. Und der sagte ganz ruhig: „Ich bin schon da!“ Oder, wie man in Buxtehude sagt, wo dieses Märchen herkommt: „Ick bün all hier!“ Die Gärtner standen am Zaun, die Kaffeetassen in der Hand. Sie jubelten und klatschten. Ein kleiner Junge rief: „Weiter so, Igel!“

Beim dreiundsiebzigsten Lauf ging es nicht mehr. Mitten im Feld plumpste der Hase in den Klee. Plumps! Die Zunge hing ihm aus dem Maul. Seine Uhr piepte fröhlich: neuer Rekord! Der Hase japste. Dann musste er lachen, ob er wollte oder nicht. „Ihr Igel seid ja überall! Ich gebe auf.“ Ihm tat nichts weh. Er war nur sehr, sehr müde. Herr Igel nickte ihm freundlich zu.

Der Hase holte die Brötchen. Bald saß die ganze Kolonie an der langen Tafel. Die Igelfamilie war da, die Gärtner und auch der Hase. Er sagte jetzt zu allen „Guten Morgen“. Über die Beine von anderen machte er sich nie wieder lustig. Und die Igel? Die lächelten und verrieten nichts. Am Abend wurde es still im Garten. Unter dem Holunderbusch lag die Igelfamilie, eng zusammengerollt. Fünf kleine Stachelkugeln, warm und satt.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, kleine Stachelkugel – und morgen früh, wenn du aufwachst, flüsterst du: „Ich bin schon da!“

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Der Hase und der Igel“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Disse Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aver wahr is se doch, denn mien Grootvader, van den ick se hew, plegg jümmer, wenn he se mie vortüerde (mit Behaglichkeit vortrug), dabi to seggen „wahr mutt se doch sien, mien Söhn, anners kunn man se jo nich vertellen.“ De Geschicht hett sick aber so todragen.

Et wöör an enen Sündagmorgen tor Harvesttied, jüst as de Bookweeten bloihde: de Sünn wöör hellig upgaen am Hewen, de Morgenwind güng warm över de Stoppeln, de Larken süngen inn’r Lucht (Luft), de Immen sumsten in den Bookweeten un de Lühde güngen in ehren Sündagsstaht nah’r Kerken, un alle Creatur wöör vergnögt, un de Swinegel ook.

De Swinegel aver stünd vör siener Döhr, harr de Arm ünnerslagen, keek dabi in den Morgenwind hinut un quinkeleerde en lütjet Leedken vör sick hin, so good un so slecht as nu eben am leewen Sündagmorgen en Swinegel to singen pleggt. Indem he nu noch so half liese vör sick hin sung, füll em up eenmal in he künn ook wol, mittlerwiel sien Fro de Kinner wüsch un antröcke, en beeten in’t Feld spazeeren un tosehen wie sien Stähkröwen stünden. De Stähkröwen wöören aver de nöchsten bi sienem Huuse, un he pleggte mit siener Familie davon to eten, darüm sahg he se as de sienigen an. Gesagt, gedahn. De Swinegel makte de Huusdöör achter sick to un slög den Weg nah’n Felde in. He wöör noch nich gans wiet von Huuse un wull jüst um den Slöbusch, (Schlehenbusch), de dar vörm Felde liggt, nah den Stähkröwenacker hinup dreien, as em de Haas bemött, de in ähnlichen Geschäften uutgahn wöör, nämlich um sienen Kohl to besehn. As de Swinegel den Haasen ansichtig wöör, so böhd he em en fründlichen go’n Morgen. De Haas aver, de up siene Wies en vörnehmer Herr was, un grausahm hochfahrtig dabi, antwoorde nicks up den Swinegel sienen Gruß, sondern segte tom Swinegel, wobi he en gewaltig höhnische Miene annöhm, „wie kummt et denn, dat du hier all bi so fröhem Morgen im Felde rumlöppst?“ „Ick gah spazeeren“ segt de Swinegel. „Spazeeren?“ lachte de Haas, „mi ducht du kunnst de Been ook wol to betern Dingen gebruuken.“ Disse Antword verdrööt den Swinegel ungeheuer, denn alles kunn he verdregen, aver up siene Been laet he nicks komen, eben weil se von Natuhr scheef wöören. „Du bildst di wol in,“ seggt nu de Swinegel tom Haasen, „as wenn du mit diene Beene mehr utrichten kunnst?“ „Dat denk ick“ seggt de Haas. „Dat kummt up ’n Versöök an,“ meent de Swinegel, „ick pareer, wenn wi in de Wett loopt, ick loop di vörbi.“ „Dat is tum Lachen, du mit diene scheefen Been,“ seggt de Haas, „aver mienetwegen mach’t sien, wenn du so övergroote Lust hest. Wat gilt de Wett?“ „En goldne Lujedor un’n Buddel Branwien“ seggt de Swinegel. „Angenahmen,“ spröök de Haas, „sla in, un denn kann’t gliek los gahn.“ „Nä, so groote Ihl hett et nich,“ meen de Swinegel, „ick bün noch gans nüchdern; eerst will ick to Huus gahn un en beeten fröhstücken: inner halwen Stünd bün ick wedder hier upp’n Platz.“

Damit güng de Swinegel, denn de Haas wöör et tofreeden. Ünnerweges dachte de Swinegel bi sick „de Haas verlett sick up siene langen Been, aver ick will em wol kriegen. He is zwar ehn vörnehm Herr, aver doch man’n dummen Keerl, un betahlen sall he doch.“ As nu de Swinegel to Huuse ankööm, spröök he to sien Fro „Fro, treck di gau (schnell) an, du must mit mi nah’n Felde hinuut.“ „Wat givt et denn?“ seggt sien Fro. „Ick hew mit’n Haasen wett’t üm’n golden Lujedor un’n Buddel Branwien, ick will mit em inn Wett loopen un da salst du mit dabi sien.“ „O mien Gott, Mann,“ füng nu den Swinegel sien Fro an to schreen, „büst du nich klook, hest du denn ganz den Verstand verlaaren? Wie kannst du mit den Haasen in de Wett loopen wollen?“ „Holt dat Muul, Wief,“ seggt de Swinegel, „dat is mien Saak. Resonehr nich in Männergeschäfte. Marsch, treck di an un denn kumm mit.“ Wat sull den Swinegel sien Fro maken? se mußt wol folgen, se mugg nu wollen oder nich.

As se nu mit eenander ünnerwegs wöören, spröök de Swinegel to sien Fro „nu pass up, wat ick seggen will. Sühst du, up den langen Acker dar wüll wi unsen Wettloop maken. De Haas löppt nemlich in der eenen Föhr (Furche) un ick inner andern, un von baben (oben) fang wi an to loopen. Nu hast du wieder nicks to dohn as du stellst di hier unnen in de Föhr, un wenn de Haas up de andere Siet ankummt, so röpst du em entgegen „ick bün all (schon) hier.“

Damit wöören se bi den Acker anlangt, de Swinegel wiesde siener Fro ehren Platz an un gung nu den Acker hinup. As he baben ankööm, wöör de Haas all da. „Kann et losgahn?“ seggt de Haas. „Ja wol“ seggt de Swinegel. „Denn man to!“ Un damit stellde jeder sick in siene Föhr. De Haas tellde (zählte) „hahl een, hahl twee, hahl dree“ un los güng he wie en Stormwind den Acker hindahl (hinab). De Swinegel aver lööp ungefähr man dree Schritt, dann duhkde he sick dahl (herab) in de Föhr un bleev ruhig sitten.

As nu de Haas in vullen Loopen ünnen am Acker ankööm, rööp em den Swinegel sien Fro entgegen „ick bün all hier.“ De Haas stutzd un verwunderde sick nich wenig: he menede nich anders als et wöör de Swinegel sülvst, de em dat torööp, denn bekanntlich süht den Swinegel sien Fro jüst so uut wie ehr Mann.

De Haas aver meende „datt geiht nich to mit rechten Dingen.“ He rööp „nochmal geloopen, wedder üm!“ Un fort güng he wedder wie en Stormwind, datt em de Ohren am Koppe flögen. Den Swinegel sien Fro aver blev ruhig up ehren Platze. As nu de Haas baben ankööm, rööp em de Swinegel entgegen „ick bün all hier.“ De Haas aver, ganz uuter sick vör Ihwer (Ärger), schreede „nochmal geloopen, wedder üm!“ „Mi nich to schlimm,“ antwoorde de Swinegel, „mienetwegen so oft as du Lust hest.“ So löp de Haas noch dreeunsöbentigmal, un de Swinegel höhl (hielt) et ümmer mit em uut. Jedesmal, wenn de Haas ünnen oder baben ankööm, seggten de Swinegel oder sien Fro „ick bün all hier.“

Tum veerunsöbentigstenmal aver köm de Haas nich mehr to ende. Midden am Acker stört he tor Eerde, datt Blohd flög em utn Halse un he bleev doot upn Platze. De Swinegel aver nöhm siene gewunnene Lujedor un den Buddel Branwien, rööp siene Fro uut der Föhr aff, un beide güngen vergnögt mit eenanner nah Huus; un wenn se nich storben sünd, lewt se noch.

So begev et sick, dat up der Buxtehuder Heid de Swinegel den Haasen dodt lopen hett, un sied jener Tied hatt et sick keen Haas wedder infallen laten mit’n Buxtehuder Swinegel in de Wett to lopen.

De Lehre aver uut disser Geschicht is erstens, datt keener, un wenn he sick ook noch so vörnehm dücht, sick sall bikommen laten, övern geringen Mann sick lustig to maken, un wöört ook man’n Swinegel. Un tweetens, datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick ’ne Fro uut sienem Stande nimmt, un de jüst so uutsüht as he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn datt siene Fro ook en Swinegel is, un so wieder.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 187

Für Eltern

Dieses Märchen steht als Nummer 187 in den Kinder- und Haus-Märchen der Brüder Grimm, seit 1843 und in Plattdeutsch. Die Grimms übernahmen es von Wilhelm Schröder, der es 1840 im Hannoverschen Volksblatt erzählte, angesiedelt auf der Buxtehuder Heide. Wir haben es bewusst in eine Kleingartenkolonie von heute verlegt: Igel leben mitten unter uns, und Spott über den Körper, zu klein, zu langsam, krumme Beine, kennen Kinder vom Spielplatz. Der plattdeutsche Satz „Ick bün all hier!“ klingt etwa wie „Ick büün all hier“ und bedeutet „Ich bin schon da!“. Unter der Geschichte kannst du den Originaltext der Grimms nachlesen und vergleichen.

Was geblieben ist – und was neu ist

Geblieben

  • ein Sonntagmorgen und ein Rübenacker
  • der Hase verspottet die krummen Beine des Igels
  • die Wette und der Wettlauf
  • Frau Igel, die genauso aussieht wie ihr Mann
  • 73 Läufe und „Ick bün all hier!“

Neu

  • Buxtehuder Heide → Kleingartenanlage am Stadtrand
  • der Hase trägt Stirnband und Laufuhr
  • Goldstück und Schnaps → frische Brötchen fürs Sonntagsfrühstück
  • Frau Igel heckt den Plan mit aus, statt nur zu gehorchen
  • der Hase stirbt nicht – er plumpst lachend in den Klee und frühstückt mit allen

Über Körper lustig machen – zu klein, zu langsam, „krumme Beine“ – erleben Kinder auf dem Schulhof und im Netz. Und Igel leben heute mitten unter uns in Gärten und Kleingärten.

Frei nach dem plattdeutschen Märchen „De Has' un de Swinegel“ (KHM 187) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857 – von talino.kids in unsere Zeit versetzt.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters – in unsere Zeit versetzt. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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