Nach den Brüdern Grimm – in unsere Zeit versetzt

Der süße Brei

ab 3 Jahren · 3 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal ein Mädchen in der Stadt, das hieß Ella. Sie war sechs Jahre alt. Sie wohnte mit Mama ganz oben in einem alten Haus. Mama arbeitete nachts im Krankenhaus. Es war Ende des Monats. Im Kühlschrank lagen nur noch ein Brotkanten und eine halbe Zitrone. Keiner jammerte. Aber Ellas Bauch grummelte leise.

Am Samstag ging Ella mit Mama auf den Wochenmarkt. Da riss einer alten Frau die Einkaufstasche. Plumps! Die Äpfel kullerten überall hin. Ella krabbelte unter die Marktstände. Sie sammelte jeden einzelnen Apfel auf, auch den ganz hinten bei den Kartoffeln. Die alte Frau sah sie lange an. Es war, als wüsste sie schon alles.

Dann schenkte sie Ella ein kleines, altes, blaues Töpfchen. „Sag ›Töpfchen, koch!‹, dann kocht es süßen Hirsebrei. Und sag ›Töpfchen, steh!‹, dann hört es auf.“ Ella staunte. „Hört das auf Sprache? Wie der Lautsprecher bei meinem Freund?“ Die alte Frau lachte. „Das Töpfchen hört schon auf Worte, da gab es noch gar keinen Strom.“

Mitmachen: Sprecht die beiden Zauberwörter zusammen nach: „Töpfchen, koch!“ und „Töpfchen, steh!“

Zu Hause stellte Ella das Töpfchen auf den Herd. Mama schaute neugierig zu. Ella rief: „Töpfchen, koch!“ Blubb, blubb! Süßer Hirsebrei stieg im Töpfchen hoch. Er duftete nach Zimt. „Töpfchen, steh!“, sagte Ella. Und es hörte auf. Ella und Mama aßen, bis sie satt waren. Sie lachten mit vollen Backen. Von nun an hatten sie nie mehr Hunger.

Eines Nachmittags war Ella beim Schwimmkurs. Mama kam von einer langen Nachtschicht heim. Sie war müde und hungrig. „Töpfchen, koch!“, sagte sie. Mama aß sich satt. Doch ihr müder Kopf fand das Wort nicht mehr. „Töpfchen, stopp! Töpfchen, aus! Töpfchen, Pause!“ „Töpfchen, ausschalten! Bitte, liebes Töpfchen, genug!“ Aber das Töpfchen blubberte immer weiter.

Mitmachen: Weißt du das richtige Wort? Hilf Mama und ruf es ganz laut!

Der Brei stieg über den Rand, über den Herd, durch die Küche. Er quoll zur Wohnungstür hinaus. Dann ging es die Treppe hinunter, Stufe für Stufe. Blubb, blubb! Er floss an den Türen der Nachbarn vorbei. Er schob sich aus der Haustür auf den Gehweg. Um die Fahrräder herum. Das ganze Viertel duftete nach Zimt.

Mitmachen: Lass dein Kind den Brei die Treppe hinunterblubbern: Blubb, blubb, blubb!

Ein warmer Breifluss floss die Straße entlang bis zur Haltestelle. Ding-ding! Die Straßenbahn musste halten. Nachbarn lehnten aus den Fenstern. Ein Hund schleckte fröhlich. Nur noch eine Straße fehlte bis zum Markt. Da kam Ella vom Schwimmen, die Haare noch nass. Sie watete bis zur Haustür. Laut und deutlich rief sie: „Töpfchen, steh!“ Und das Töpfchen stand still.

Wer nach Hause wollte, der musste sich durchessen. Die Nachbarn kamen mit Löffeln. Herr Yılmaz, Frau Nowak mit Baby, der Student. Früher hatten sie sich nur zugenickt. Jetzt aßen sie zusammen auf den Stufen und lachten. Mama bekam eine Umarmung und eine Decke auf dem Sofa. Nachts stand das Töpfchen still im Regal. Und das ganze Haus kannte die Zauberwörter.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, mein Schatz – und wenn das Töpfchen in deinem Traum zu viel blubbert, weißt du ja das Wort: „Töpfchen, steh!“

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Der süße Brei“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da gieng das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen „Töpfchen, koche,“ so kochte es guten süßen Hirsenbrei, und wenn es sagte „Töpfchen, steh,“ so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armuth und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter „Töpfchen, koche,“ da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollts die ganze Welt satt machen, und ist die größte Noth, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim, und spricht nur „Töpfchen, steh,“ da steht es und hört auf zu kochen; und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 103

Für Eltern

Diese Geschichte beruht auf dem Grimm-Märchen „Der süße Brei“ (KHM 103), das Dortchen Wild aus Hessen den Brüdern Grimm erzählt hat; sie heiratete später Wilhelm Grimm. Das Märchen passt erstaunlich gut in unsere Zeit: Einen Topf, der auf gesprochene Worte hört, kennen viele Kinder heute fast schon vom Sprachassistenten. Und Monatsenden, Nachtschichten und Nachbarn, die man kaum kennt, gehören für viele Familien zum Alltag. Dein Kind darf beim Vorlesen mithelfen und Mama das richtige Wort zurufen. Unter der Geschichte findest du den Originaltext der Brüder Grimm zum Vergleichen.

Was geblieben ist – und was neu ist

Geblieben

  • der Zaubertopf, geschenkt von einer alten Frau
  • die Zauberworte „Töpfchen, koch!“ und „Töpfchen, steh!“
  • die Mutter, die das Wort vergisst
  • die Breiflut durch Haus und Straße
  • „Wer heim wollte, musste sich durchessen“

Neu

  • Wald → Wochenmarkt: Ella hilft zuerst der alten Frau
  • Armut → das Monatsende einer Familie mit Nachtschicht
  • Mama vergisst das Wort, weil sie müde ist – und probiert „Stopp! Aus! Pause!“ wie bei einem Sprachassistenten
  • die Flut fließt durchs Treppenhaus bis zur Straßenbahn
  • am Ende ein Breifest der Nachbarn, die sich vorher kaum kannten

Viele Kinder wachsen heute in Stadtwohnungen auf, viele Familien kennen das Monatsende – und Nachbarn sind oft Fremde. Ein Topf, der „aufs Wort hört“, ist für Kinder, die mit Sprachassistenten aufwachsen, plötzlich ganz vertraut.

Frei nach dem Märchen „Der süße Brei“ (KHM 103) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857, das sie von Dortchen Wild in Hessen hörten – von talino.kids in unsere Zeit versetzt.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters – in unsere Zeit versetzt. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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