Nach den Brüdern Grimm – in unsere Zeit versetzt

Die goldene Gans

ab 5 Jahren · 4 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal ein Junge namens Jonas, der Jüngste von dreien. Weil er gern den Wolken nachsah, nannten Lena und Max ihn „Träumerle“. Eines Samstags schickte Mama die drei in den Stadtpark. Lena ging zuerst, mit Kuchen und Saft. Unter der alten Linde saß ein graues Männlein mit Hut. „Gib mir doch ein Stück von deinem Kuchen, ich hab solchen Hunger.“ „Keine Zeit!“, sagte Lena, den Blick auf dem Handy. Hoppla, da stolperte sie über eine Wurzel.

Dann kam Max mit seinem Fußball. „Gib mir doch einen Bissen?“, bat das Männlein. „Kauf dir selber was!“, rief Max. Er kickte los, und plitsch, platsch, flog der Ball in den Teich. Zuletzt kam Jonas. Er hatte nur ein krümeliges Käsebrot und lauwarmen Kakao. „Es ist nicht viel, aber wir können teilen.“ Sie packten aus. Da war es das beste Brot der Welt. Und der Kakao war heiß und süß.

Das Männlein wischte sich die Krümel vom Bart. „Weil du ein gutes Herz hast: Schau unter die Wurzeln der alten Linde.“ Dann war die Bank leer. Jonas kniete sich hin. Zwischen den Wurzeln war eine Mulde. Darin saß eine Gans. Ihre Federn waren aus reinem Gold! „Na, du?“, flüsterte Jonas. Ganz vorsichtig nahm er sie in die Arme. Die Gans schnatterte leise. Dann spazierte Jonas mit ihr in die Stadt.

Vor der Bäckerei standen die zwei Töchter des Bäckers. Sie sahen die goldenen Federn glänzen. „Nur eine einzige Feder!“, flüsterte die Erste. Sie griff zu, und ihre Hand klebte fest. Und kleben blieb sie! Die Schwester zog an ihr. Und kleben blieb sie! Der Bäcker kam in seiner Mehlschürze und packte seine Tochter. Und kleben blieb er! Jonas ging ruhig weiter, als wäre nichts. Die drei stolperten hinterher.

Mitmachen: Sprecht den Satz zusammen, jedes Mal wenn jemand kleben bleibt: Und kleben blieb sie! Und kleben blieb er!

Über den Marktplatz eilte ein Mann im Anzug, einen Kaffeebecher in der Hand. „Ich helfe!“, rief er und griff zu. Und kleben blieb er! Schwapp, machte der Kaffee. Ein junger Mann filmte alles. „Das muss ich zeigen!“ Rums, stieß er an. Und kleben blieb er! Eine Joggerin in Neongelb lief vorbei. Und kleben blieb sie! Eine Politesse wollte der Gans einen Strafzettel geben. Und kleben blieb sie! Die ganze Kette hüpfte und wackelte hinter Jonas her.

Mitmachen: Ruft bei jedem neuen Kleber gemeinsam den Kehrreim und macht dazu das Schwapp vom Kaffee!

In dieser Stadt gab es eine Bürgermeisterin. Ihre Tochter Clara war so ernst, dass niemand sie zum Lachen brachte. Kein Witz half, keine Grimasse, kein Kitzeln. Darum hatte die Bürgermeisterin versprochen: „Wer Clara zum Lachen bringt, hat einen Wunsch frei.“ An diesem Samstag saß Clara auf der Rathaustreppe. Sie stützte das Kinn in die Hände. Ihr Gesicht war ernst, sehr, sehr ernst. Da hörte sie etwas: Tapp, tapp, schwapp, rums.

Mitmachen: Macht beide das ernsteste Gesicht der Welt, so wie Clara. Wer zuerst lacht?

Da kam Jonas mit seiner wackligen Parade. Die Joggerin joggte auf der Stelle. Der Kaffee schwappte. Der junge Mann hing kopfüber und filmte sich selbst. Und die Politesse verteilte Strafzettel an alle. Clara sah hin. Ihr Mundwinkel zuckte. Dann lachte sie, so laut, dass der ganze Platz es hörte. Ploff! Bei ihrem Lachen lösten sich alle und purzelten auf einen Haufen. Da lachten sie alle mit.

Jonas durfte sich etwas wünschen. „Einen langen Tisch auf dem Marktplatz“, sagte er. „Und alle essen zusammen.“ Ganz oben saß das graue Männlein. Daneben der Bäcker mit seinen Töchtern, die Joggerin und die Politesse. Lena und Max sagten leise: „Tut uns leid.“ Clara hielt die goldene Gans auf dem Schoß. Seitdem nannte ihn keiner mehr zum Ärgern „Träumerle“. Am Abend leuchteten Laternen über dem Tisch. Die goldenen Federn schimmerten sanft.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, du kleines Träumerle, und wer weiß, vielleicht schimmert heute Nacht eine goldene Feder in deinem Traum.

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Die goldene Gans“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon hieß der jüngste der Dummling, und wurde verachtet und verspottet, und bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt. Es geschah, daß der älteste in den Wald gehen wollte, Holz hauen, und eh er gieng, gab ihm noch seine Mutter einen schönen feinen Eierkuchen und eine Flasche Wein mit, damit er nicht Hunger und Durst litte. Als er in den Wald kam, begegnete ihm ein altes graues Männlein, das bot ihm einen guten Tag und sprach „gieb mir doch ein Stück Kuchen aus deiner Tasche, und laß mich einen Schluck von deinem Wein trinken, ich bin so hungrig und durstig.“ Der kluge Sohn aber antwortete „geb ich dir meinen Kuchen und meinen Wein, so hab ich selber nichts, pack dich deiner Wege,“ ließ das Männlein stehen und gieng fort. Als er nun anfieng einen Baum zu behauen, dauerte es nicht lange, so hieb er fehl, und die Axt fuhr ihm in den Arm, daß er mußte heimgehen und sich verbinden lassen. Das war aber von dem grauen Männchen gekommen.

Darauf gieng der zweite Sohn in den Wald, und die Mutter gab ihm, wie dem ältesten, einen Eierkuchen und eine Flasche Wein. Dem begegnete gleichfalls das alte graue Männchen und hielt um ein Stückchen Kuchen und einen Trunk Wein an. Aber der zweite Sohn sprach auch ganz verständig „was ich dir gebe, das geht mir selber ab, pack dich deiner Wege,“ ließ das Männlein stehen und gieng fort. Die Strafe blieb nicht aus, als er ein paar Hiebe am Baum gethan, hieb er sich ins Bein, daß er mußte nach Haus getragen werden.

Da sagte der Dummling „Vater, laß mich einmal hinaus gehen und Holz hauen.“ Antwortete der Vater „deine Brüder haben sich Schaden dabei gethan, laß dich davon, du verstehst nichts davon.“ Der Dummling aber bat so lange, bis er endlich sagte „geh nur hin, durch Schaden wirst du klug werden.“ Die Mutter gab ihm einen Kuchen, der war mit Wasser in der Asche gebacken, und dazu eine Flasche saueres Bier. Als er in den Wald kam, begegnete ihm gleichfalls das alte graue Männchen, grüßte ihn und sprach „gieb mir ein Stück von deinem Kuchen und einen Trunk aus deiner Flasche, ich bin so hungrig und durstig.“ Antwortete der Dummling „ich habe aber nur Aschenkuchen und saueres Bier, wenn dir das recht ist, so wollen wir uns setzen und essen.“ Da setzten sie sich, und als der Dummling seinen Aschenkuchen herausholte, so wars ein feiner Eierkuchen, und das sauere Bier war ein guter Wein. Nun aßen und tranken sie, und danach sprach das Männlein „weil du ein gutes Herz hast und von dem Deinigen gerne mittheilst, so will ich dir Glück bescheren. Dort steht ein alter Baum, den hau ab, so wirst du in den Wurzeln etwas finden.“ Darauf nahm das Männlein Abschied.

Der Dummling gieng hin und hieb den Baum um, und wie er fiel, saß in den Wurzeln eine Gans, die hatte Federn von reinem Gold. Er hob sie heraus, nahm sie mit sich und gieng in ein Wirthshaus, da wollte er übernachten. Der Wirth hatte aber drei Töchter, die sahen die Gans, waren neugierig was das für ein wunderlicher Vogel wäre und hätten gar gern eine von seinen goldenen Federn gehabt. Die älteste dachte „es wird sich schon eine Gelegenheit finden wo ich mir eine Feder ausziehen kann,“ und als der Dummling einmal hinaus gegangen war, faßte sie die Gans beim Flügel, aber Finger und Hand blieben ihr daran festhängen. Bald danach kam die zweite und hatte keinen andern Gedanken als sich eine goldene Feder zu holen: kaum aber hatte sie ihre Schwester angerührt, so blieb sie festhängen. Endlich kam auch die dritte in gleicher Absicht: da schrieen die andern „bleib weg, ums Himmelswillen, bleib weg.“ Aber sie begriff nicht warum sie wegbleiben sollte, dachte „sind die dabei, so kann ich auch dabei sein,“ und sprang herzu, und wie sie ihre Schwester angerührt hatte, so blieb sie an ihr hängen. So mußten sie die Nacht bei der Gans zubringen.

Am andern Morgen nahm der Dummling die Gans in den Arm, gieng fort, und bekümmerte sich nicht um die drei Mädchen, die daran hiengen. Sie mußten immer hinter ihm drein laufen, links und rechts, wies ihm in die Beine kam. Mitten auf dem Felde begegnete ihnen der Pfarrer, und als er den Aufzug sah, sprach er „schämt euch, ihr garstigen Mädchen, was lauft ihr dem jungen Bursch durchs Feld nach, schickt sich das?“ Damit faßte er die jüngste an die Hand und wollte sie zurückziehen: wie er sie aber anrührte, blieb er gleichfalls hängen und mußte selber hinter drein laufen. Nicht lange, so kam der Küster daher, und sah den Herrn Pfarrer, der drei Mädchen auf dem Fuß folgte. Da verwunderte er sich und rief „ei, Herr Pfarrer, wo hinaus so geschwind? vergeßt nicht daß wir heute noch eine Kindtaufe haben,“ lief auf ihn zu und faßte ihn am Ermel, blieb aber auch fest hängen. Wie die fünf so hinter einander her trabten, kamen zwei Bauern mit ihren Hacken vom Feld: da rief der Pfarrer sie an und bat sie möchten ihn und den Küster los machen. Kaum aber hatten sie den Küster angerührt, so blieben sie hängen, und waren ihrer nun siebene, die dem Dummling mit der Gans nachliefen.

Er kam darauf in eine Stadt, da herrschte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, daß sie niemand zum lachen bringen konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum lachen bringen, der sollte sie heirathen. Der Dummling, als er das hörte, gieng mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Menschen immer hinter einander herlaufen sah, fieng sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören. Da verlangte sie der Dummling zur Braut, aber dem König gefiel der Schwiegersohn nicht, er machte allerlei Einwendungen und sagte er müßte ihm erst einen Mann bringen, der einen Keller voll Wein austrinken könnte. Der Dummling dachte an das graue Männchen, das könnte ihm wohl helfen, gieng hinaus in den Wald, und auf der Stelle, wo er den Baum abgehauen hatte, sah er einen Mann sitzen, der machte ein ganz betrübtes Gesicht. Der Dummling fragte was er sich so sehr zu Herzen nähme. Da antwortete er „ich habe so großen Durst, und kann ihn nicht löschen, das kalte Wasser vertrage ich nicht, ein Faß Wein habe ich zwar ausgeleert, aber was ist ein Tropfen auf einem heißen Stein?“ „Da kann ich dir helfen,“ sagte der Dummling, „komm nur mit mir, du sollst satt haben.“ Er führte ihn darauf in des Königs Keller, und der Mann machte sich über die großen Fässer, trank und trank, daß ihm die Hüften weh thaten, und ehe ein Tag herum war, hatte er den ganzen Keller ausgetrunken. Der Dummling verlangte abermals seine Braut, der König aber ärgerte sich daß ein schlechter Bursch, den jedermann einen Dummling nannte, seine Tochter davon tragen sollte, und machte neue Bedingungen: er müßte erst einen Mann schaffen, der einen Berg voll Brot aufessen könnte. Der Dummling besann sich nicht lange, sondern gieng gleich hinaus in den Wald: da saß auf demselben Platz ein Mann, der schnürte sich den Leib mit einem Riemen zusammen, machte ein grämliches Gesicht, und sagte „ich habe einen ganzen Backofen voll Raspelbrot gegessen, aber was hilft das, wenn man so großen Hunger hat, wie ich: mein Magen bleibt leer, und ich muß mich nur zuschnüren, wenn ich nicht Hungers sterben soll.“ Der Dummling war froh darüber, und sprach „mach dich auf und geh mit mir, du sollst dich satt essen.“ Er führte ihn an den Hof des Königs, der hatte alles Mehl aus dem ganzen Reich zusammenfahren und einen ungeheuern Berg davon backen lassen: der Mann aber aus dem Walde stellte sich davor, fieng an zu essen, und in einem Tag war der ganze Berg verschwunden. Der Dummling forderte zum drittenmal seine Braut, der König aber suchte noch einmal Ausflucht, und verlangte ein Schiff das zu Land und zu Wasser fahren könnte: „so wie du aber damit angesegelt kommst,“ sagte er, „so sollst du gleich meine Tochter zur Gemahlin haben.“ Der Dummling gieng gerades Weges in den Wald, da saß das alte graue Männchen, dem er seinen Kuchen gegeben hatte, und sagte „ich habe für dich getrunken und gegessen, ich will dir auch das Schiff geben; das alles thu ich, weil du barmherzig gegen mich gewesen bist.“ Da gab er ihm das Schiff, das zu Land und zu Wasser fuhr, und als der König das sah, konnte er ihm seine Tochter nicht länger vorenthalten. Die Hochzeit ward gefeiert, nach des Königs Tod erbte der Dummling das Reich, und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 64

Für Eltern

Diese Geschichte erzählt das Märchen „Die goldene Gans“ nach, Nummer 64 in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die Grimms hatten es nach einer Erzählung aus Hessen, vielleicht von der Familie Hassenpflug, und einer aus der Gegend um Paderborn aufgeschrieben. Es passt erstaunlich gut in unsere Zeit: Teilen mit einem Fremden ist heute so selten wie damals, und Goldgier, Filmen statt Helfen und das Necken des Familienträumers kennen Kinder gut. Darum spielt unsere Fassung bewusst in einer deutschen Stadt von heute, mit Bäckerei, Marktplatz und Rathaus. Unter der Geschichte kannst du den Originaltext der Grimms lesen und vergleichen.

Was geblieben ist – und was neu ist

Geblieben

  • der verspottete Jüngste
  • das graue Männlein, das um ein Stück Essen bittet
  • die geizigen Älteren und der Jüngste, der teilt
  • die goldene Gans unter dem alten Baum
  • alle, die die Gans berühren, bleiben kleben
  • das ernste Mädchen, das endlich lacht

Neu

  • Wald → Stadtpark, Wirtshaus → Bäckerei
  • Pfarrer, Küster, Bauern → Coffee-to-go-Mann, Handyfilmer, Joggerin, Politesse
  • Axtverletzungen → ein Stolpern und ein Ball im Teich
  • König und Hochzeit → die Bürgermeisterin und ein freier Wunsch
  • der Wunsch: ein langer Tisch, an dem alle zusammen essen

Mit Fremden teilen ist heute so selten wie damals. Nach Gold greifen, filmen statt helfen, das Träumerle der Familie aufziehen – das kennen Kinder von heute genau.

Frei nach dem Märchen „Die goldene Gans“ (KHM 64) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857 – von talino.kids in unsere Zeit versetzt.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters – in unsere Zeit versetzt. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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