
Es war einmal eine Mutter, die hatte zwei Töchter. Marie war fleißig und freundlich. Ihre Schwester Lotte lag lieber in der Sonne. Jeden Tag saß Marie am Brunnen vor dem Haus und spann. Surr, surr, machte die Spindel. Doch eines Tages rutschte sie ihr aus der Hand. Platsch! Sie fiel in den Brunnen. Marie beugte sich weit hinüber. Viel zu weit! Sie purzelte hinein. Und alles wurde weich und still.

Als Marie die Augen aufschlug, lag sie auf einer Wiese. Die Sonne schien, und tausend Blumen blühten. Marie ging los. Bald kam sie zu einem Backofen. Darin rief das Brot: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich! Ich bin schon längst ausgebacken.“ Marie nahm den Brotschieber. Sie holte ein Brot nach dem anderen heraus. Alle waren goldbraun und dufteten herrlich.
Mitmachen: Ruft zusammen wie das Brot: „Zieh mich raus, zieh mich raus!“

Marie ging weiter. Da stand ein Apfelbaum voller roter Äpfel. Der Baum rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!“ Marie packte den Stamm und schüttelte. Plumps, plumps, plumps! Die Äpfel fielen, als regnete es. Einer hüpfte ihr frech auf die Schuhspitze. Marie schüttelte, bis keiner mehr oben hing. Dann legte sie alle Äpfel ordentlich auf einen Haufen.
Mitmachen: Macht mit, so laut ihr mögt: „Plumps, plumps, plumps!“

Endlich kam Marie zu einem kleinen Haus. Aus dem Fenster schaute eine alte Frau. Sie hatte riesengroße Zähne! Marie erschrak. Doch die Frau lächelte freundlich. „Bleib bei mir, liebes Kind“, sagte sie. „Hilf mir im Haus, dann soll es dir gut gehen.“ „Nur eins ist wichtig“, sagte sie. „Schüttel mein Bett kräftig auf, damit die Federn fliegen. Dann schneit es in der Welt. Ich bin die Frau Holle.“

Jeden Morgen öffnete Marie das Fenster. Sie schüttelte die dicken Federbetten kräftig aus. Die Federn wirbelten wie Schneeflocken. Marie flüsterte: „Dann schneit es in der Welt.“ Und wirklich: Tief unten schneite es auf die Dächer im Dorf. Die Kinder dort fingen die Flocken mit der Zunge. Marie hatte es gut bei Frau Holle. Doch nach einer Weile wurde sie still. Sie vermisste ihre Mutter und ihr Zuhause.
Mitmachen: Pustet zusammen eine Feder durch die Luft: Fffff!

„Es gefällt mir, dass du heim willst“, sagte Frau Holle. Sie führte Marie zu einem großen Tor. Das Tor ging auf. Da fiel ein Goldregen auf Marie herab. Alles Gold blieb an ihrem Kleid hängen. „Weil du so fleißig warst“, sagte Frau Holle. Sie gab ihr auch die Spindel zurück. Auf einmal stand Marie zu Hause am Brunnen. Der Hahn auf dem Rand rief: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“

Lotte wollte auch Gold. Sie warf die Spindel hinein und sprang hinterher. Doch das Brot ließ sie im Ofen: „Ich will mich doch nicht schmutzig machen!“ Die Äpfel ließ sie am Baum: „Mir könnte ja einer auf den Kopf fallen!“ Bei Frau Holle schüttelte sie kein Bett. Diesmal hieß es nicht: Dann schneit es in der Welt. Am Tor platschte klebriges Pech auf sie. Der Hahn rief: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie!“

Das Pech ging mit keiner Seife ab. Doch dann trug Lotte Wasser für die Mutter. Und schwupps, ein Stückchen Pech fiel ab! Sie schüttelte mit Marie die Betten aus. Wieder fiel ein Stückchen ab. Am Tag des ersten Schnees war Lotte ganz sauber. Die Schwestern standen warm beieinander am Fenster. Draußen fielen leise die Flocken. „Frau Holle schüttelt ihre Betten“, flüsterte Marie. Lotte lächelte. „Dann schneit es in der Welt.“






