Ein Märchen der Brüder Grimm

Frau Holle

ab 4 Jahren · 4 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal eine Mutter, die hatte zwei Töchter. Marie war fleißig und freundlich. Ihre Schwester Lotte lag lieber in der Sonne. Jeden Tag saß Marie am Brunnen vor dem Haus und spann. Surr, surr, machte die Spindel. Doch eines Tages rutschte sie ihr aus der Hand. Platsch! Sie fiel in den Brunnen. Marie beugte sich weit hinüber. Viel zu weit! Sie purzelte hinein. Und alles wurde weich und still.

Als Marie die Augen aufschlug, lag sie auf einer Wiese. Die Sonne schien, und tausend Blumen blühten. Marie ging los. Bald kam sie zu einem Backofen. Darin rief das Brot: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich! Ich bin schon längst ausgebacken.“ Marie nahm den Brotschieber. Sie holte ein Brot nach dem anderen heraus. Alle waren goldbraun und dufteten herrlich.

Mitmachen: Ruft zusammen wie das Brot: „Zieh mich raus, zieh mich raus!“

Marie ging weiter. Da stand ein Apfelbaum voller roter Äpfel. Der Baum rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!“ Marie packte den Stamm und schüttelte. Plumps, plumps, plumps! Die Äpfel fielen, als regnete es. Einer hüpfte ihr frech auf die Schuhspitze. Marie schüttelte, bis keiner mehr oben hing. Dann legte sie alle Äpfel ordentlich auf einen Haufen.

Mitmachen: Macht mit, so laut ihr mögt: „Plumps, plumps, plumps!“

Endlich kam Marie zu einem kleinen Haus. Aus dem Fenster schaute eine alte Frau. Sie hatte riesengroße Zähne! Marie erschrak. Doch die Frau lächelte freundlich. „Bleib bei mir, liebes Kind“, sagte sie. „Hilf mir im Haus, dann soll es dir gut gehen.“ „Nur eins ist wichtig“, sagte sie. „Schüttel mein Bett kräftig auf, damit die Federn fliegen. Dann schneit es in der Welt. Ich bin die Frau Holle.“

Jeden Morgen öffnete Marie das Fenster. Sie schüttelte die dicken Federbetten kräftig aus. Die Federn wirbelten wie Schneeflocken. Marie flüsterte: „Dann schneit es in der Welt.“ Und wirklich: Tief unten schneite es auf die Dächer im Dorf. Die Kinder dort fingen die Flocken mit der Zunge. Marie hatte es gut bei Frau Holle. Doch nach einer Weile wurde sie still. Sie vermisste ihre Mutter und ihr Zuhause.

Mitmachen: Pustet zusammen eine Feder durch die Luft: Fffff!

„Es gefällt mir, dass du heim willst“, sagte Frau Holle. Sie führte Marie zu einem großen Tor. Das Tor ging auf. Da fiel ein Goldregen auf Marie herab. Alles Gold blieb an ihrem Kleid hängen. „Weil du so fleißig warst“, sagte Frau Holle. Sie gab ihr auch die Spindel zurück. Auf einmal stand Marie zu Hause am Brunnen. Der Hahn auf dem Rand rief: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“

Lotte wollte auch Gold. Sie warf die Spindel hinein und sprang hinterher. Doch das Brot ließ sie im Ofen: „Ich will mich doch nicht schmutzig machen!“ Die Äpfel ließ sie am Baum: „Mir könnte ja einer auf den Kopf fallen!“ Bei Frau Holle schüttelte sie kein Bett. Diesmal hieß es nicht: Dann schneit es in der Welt. Am Tor platschte klebriges Pech auf sie. Der Hahn rief: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie!“

Das Pech ging mit keiner Seife ab. Doch dann trug Lotte Wasser für die Mutter. Und schwupps, ein Stückchen Pech fiel ab! Sie schüttelte mit Marie die Betten aus. Wieder fiel ein Stückchen ab. Am Tag des ersten Schnees war Lotte ganz sauber. Die Schwestern standen warm beieinander am Fenster. Draußen fielen leise die Flocken. „Frau Holle schüttelt ihre Betten“, flüsterte Marie. Lotte lächelte. „Dann schneit es in der Welt.“

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, mein Schatz, und wenn morgen früh Schnee liegt, dann weißt du ja: Frau Holle hat ihre Betten geschüttelt.

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Frau Holle“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Eine Wittwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit thun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach „hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Da gieng das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese gieng es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu, und holte mit dem Brotschieber alles nach einander heraus. Danach gieng es weiter und kam zu einem Baum, der hieng voll Äpfel, und rief ihm zu „ach schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, gieng es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach „was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn. Du mußt nur Acht geben daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt[1]; ich bin die Frau Holle.“ Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit, und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf daß die Federn wie Schneeflocken umher flogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht was ihm fehlte, endlich merkte es daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser gieng als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr „ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.“ Die Frau Holle sagte „es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das Thor ward aufgethan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“ sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus: und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief

„kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Da gieng es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte wie es zu dem großen Reichthum gekommen war, wollte sie der andern häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und gieng auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber antwortete „da hätt ich Lust mich schmutzig zu machen,“ und gieng fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief „ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Sie antwortete aber „du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen,“ und gieng damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fieng sie schon an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sichs gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Thor, als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“ sagte die Frau Holle und schloß das Thor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief

„kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte, nicht abgehen.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 24

Zum Ausmalen

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Für Eltern

Die Brüder Grimm hörten dieses Märchen von Dortchen Wild in Kassel. Es steht seit der ersten Ausgabe von 1812 als Nummer 24 in den Kinder- und Haus-Märchen, der krähende Hahn kam 1819 dazu. Frau Holle ist eine alte Gestalt aus dem deutschen Volksglauben. In Hessen sagen viele Familien noch heute, wenn es schneit: Frau Holle schüttelt ihre Betten. Den Originaltext der Grimms kannst du unter der Geschichte nachlesen.

Was wir geändert haben

Bei den Grimms ist das fleißige Mädchen eine Stieftochter, die schlecht behandelt wird, und die faule Schwester bleibt ihr Leben lang mit Pech bedeckt. Bei uns haben beide Mädchen eine liebevolle Mutter, Marie fällt nur aus Versehen in den Brunnen, und Lottes Pech geht ab, sobald sie mithilft, damit kein Kind mit Angst oder Scham einschläft.

Nacherzählt von talino.kids nach dem Märchen „Frau Holle“ (KHM 24) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857. Die Grimms hörten es von Dortchen Wild in Kassel.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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