Ein Märchen der Brüder Grimm

Rotkäppchen

ab 4 Jahren · 5 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal ein Dorf am Rand eines großen Buchenwaldes. Dort wohnte ein kleines Mädchen von sechs Jahren. Von seiner Großmutter hatte es ein Käppchen aus rotem Samt. Das trug es jeden Tag, darum hieß es nur Rotkäppchen. Eines Morgens packte die Mutter einen Korb. Hinein kamen Kuchen und eine Flasche Holundersaft. „Die Großmutter ist krank“, sagte die Mutter. „Bring ihr das.“ Dann hob sie den Finger: „Bleib schön auf dem Weg, Rotkäppchen!“

Mitmachen: Sprecht die Worte der Mutter gemeinsam: „Bleib schön auf dem Weg, Rotkäppchen!“

Rotkäppchen ging in den Wald. Die Vögel sangen. Da stand auf einmal der Wolf am Weg. „Guten Tag, Rotkäppchen“, sagte er sehr höflich. „Schönen Dank, Wolf“, sagte Rotkäppchen. Sie wusste nicht, was für ein schlauer Kerl er war. „Wohin so früh?“, fragte der Wolf. „Zur Großmutter. Ihr Haus steht unter den drei großen Eichen. Unten sind die Haselhecken.“ Der Wolf nickte. Dann zeigte er ins Gras. „Sieh doch, wie schön die Blumen blühen!“

Rotkäppchen sah die Blumen. Gelb und blau und weiß leuchteten sie zwischen den Bäumen. „Die Großmutter freut sich bestimmt über einen Strauß“, dachte sie. Sie pflückte eine Blume. Dann sah sie eine schönere, ein Stück weiter. Da klang Mutters Stimme in ihrem Kopf: „Bleib schön auf dem Weg, Rotkäppchen!“ Aber Rotkäppchen dachte: Nur noch eine. Und noch eine. So kam sie immer tiefer in den Wald. Der Wolf aber lief geradewegs zum Haus der Großmutter.

Mitmachen: Zählt zusammen die Blumen: eine, und noch eine, und noch eine …

Klopf, klopf! „Wer ist draußen?“, rief die Großmutter. „Ich bin's, Rotkäppchen!“, rief der Wolf. Aber seine Stimme klang rau und brummig. Schnell stand die Großmutter auf und versteckte sich im großen Kleiderschrank. Der Wolf drückte die Klinke und schlich hinein. Er setzte die Nachthaube mit den Rüschen auf. Dann schob er sich die Brille auf die Nase. Er legte sich ins Bett, zog die Vorhänge zu. Die Rüschen wackelten um seine Ohren. Sah das komisch aus!

Endlich kam Rotkäppchen mit einem dicken Strauß. Die Tür stand offen. Wie seltsam war alles! „Guten Morgen!“, rief sie. Keine Antwort. Sie zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter mit der Haube tief im Gesicht. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „Dass ich dich besser hören kann!“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „Dass ich dich besser sehen kann!“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ – „Dass ich dich besser packen kann!“

Mitmachen: Fragt mit: „Ei, Großmutter, was hast du für große …?“ Was kommt wohl als Nächstes?

„Aber Großmutter, was hast du für ein großes Maul!“ – „Dass ich deinen Kuchen besser fressen kann!“ Mit einem Satz sprang der Wolf aus dem Bett. Doch genau da flog die Schranktür auf. Rumms! Heraus kam die Großmutter mit ihrem Besen. Und in der Tür stand der Jäger. Er war den Spuren des Wolfes durch den Wald gefolgt. „Finde ich dich hier, du alter Sünder?“, rief er.

Der Wolf erschrak so sehr, dass ihm das Fell zu Berge stand. Mit einem Sprung war er am Fenster. Hopp, hinaus! Die Rüschenhaube saß noch immer auf seinem Kopf. Er rannte und rannte, tief in den Wald hinein. Die Haube flatterte hinter ihm her. Nie wieder sah man ihn in der Nähe des Dorfes. Da mussten alle lachen. Die Großmutter lachte, bis ihr die Tränen kamen. „Meine schöne Haube!“, rief sie. „Die soll er ruhig behalten.“

Der Jäger holte Teller und Becher. Alle drei aßen Kuchen und tranken Holundersaft. Die Blumen standen in einem Krug. „Ich fühle mich schon viel besser“, sagte die Großmutter. Am Abend ging Rotkäppchen nach Hause. Die Sonne schien golden durch die Buchen. Diesmal blieb sie ganz genau auf dem Weg. Leise sagte sie zu sich selbst: „Bleib schön auf dem Weg, Rotkäppchen!“ Und daheim wartete schon die Mutter.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, mein kleines Rotkäppchen, und bleib im Traum schön auf dem Weg, bis die Sonne wieder durch die Buchen scheint.

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Rothkäppchen“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm „komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken herum.“

„Ich will schon alles gut machen“ sagte Rothkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rothkäppchen aber wußte nicht was das für ein böses Thier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen,“ sprach er. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rothkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zu gut thun, und sich damit stärken.“ „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen“ sagte Rothkäppchen. Der Wolf dachte bei sich „das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.“ Da gieng er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann sprach er „Rothkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es „wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen?“ „Rothkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke, die Thüre sprang auf und er gieng, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann that er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rothkäppchen aber war nach den Blumen herum gelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich daß die Thüre aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte „ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heute zu Muth, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!“ Es rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf gieng es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Daß ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Daß ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Daß ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Daß ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so that er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rothkäppchen.

Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fieng an überlaut zu schnarchen. Der Jäger gieng eben an dem Haus vorbei und dachte „wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen ob ihr etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er daß der Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Scheere und fieng an dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“ Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Rothkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und gieng damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rothkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ „Komm,“ sagte die Großmutter, „wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus gienge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind „nimm den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfieng zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber gieng fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 26

Zum Ausmalen

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Für Eltern

Die Brüder Grimm hörten dieses Märchen um 1812 von den Schwestern Johanna und Marie Hassenpflug in Kassel. Es steht seit der ersten Ausgabe der Kinder- und Haus-Märchen als Nummer 26 in der Sammlung und geht auf Charles Perraults Le Petit Chaperon rouge von 1697 zurück. Heute gehört Rotkäppchen zu den Märchen, die in deutschsprachigen Familien fast jedes Kind kennt; die Frage-Antwort-Reihe am Bett sprechen Kinder oft schon auswendig mit. In Hessen erinnert die Schwalm mit ihren roten Trachtenhäubchen bis heute an das Mädchen mit dem roten Käppchen. Den Originaltext der Grimms findest du unter der Geschichte.

Was wir geändert haben

Bei den Grimms verschlingt der Wolf die Großmutter und Rotkäppchen, und der Jäger holt sie aus seinem Bauch; bei uns versteckt sich die Großmutter im Kleiderschrank, der Wolf rennt erschrocken davon, und niemand wird gefressen. Aus dem Wein wurde Holundersaft, damit die Geschichte zum Einschlafen passt.

Nacherzählt von talino.kids nach dem Märchen „Rothkäppchen“ (KHM 26) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857. Die Grimms hörten es von Johanna und Marie Hassenpflug in Kassel; es geht auf Charles Perraults „Le Petit Chaperon rouge“ (1697) zurück.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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