Ein Märchen der Brüder Grimm

Der Wolf und die sieben Geißlein

ab 4 Jahren · 4 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Sie wohnten in einem gemütlichen Häuschen am Waldrand. Die Mutter hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald, Futter holen. Sie rief: „Seid auf der Hut vor dem Wolf! Macht niemandem auf. An seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten erkennt ihr ihn.“ „Wir passen auf, liebe Mutter!“, versprachen die Geißlein.

Es dauerte nicht lange, da klopfte es an der Tür. Poch, poch, poch! „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da!“ Aber die Stimme war rau und brummig. Die Geißlein schauten sich an. Dann riefen sie alle zusammen: „Wir machen nicht auf! Du bist nicht unsere Mutter! Unsere Mutter hat eine feine Stimme. Du bist der Wolf!“

Mitmachen: Ruft gemeinsam laut mit: „Wir machen nicht auf! Du bist nicht unsere Mutter!“

Der Wolf schlich davon. Er kaufte sich ein großes Stück Kreide und aß es auf. Mampf, mampf, igitt! Davon wurde seine Stimme fein und weich. Wieder klopfte er. „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da!“, flötete er. Doch dabei legte er seine schwarze Pfote aufs Fensterbrett. Die Geißlein sahen sie sofort. „Wir machen nicht auf! Du bist nicht unsere Mutter! Unsere Mutter hat keine schwarzen Pfoten.“

Mitmachen: Sprecht mit ganz feiner, süßer Wolfsstimme: „Macht auf, ihr lieben Kinder!“

Da lief der Wolf zum Bäcker. „Streich mir Teig auf die Pfote!“ Der Bäcker tat es. Dann lief er zum Müller. „Streu mir weißes Mehl darauf!“ Der Müller brummte, aber er puderte die Pfote schneeweiß. Zum dritten Mal klopfte der Wolf. Die Stimme war fein, die Pfote war weiß. Diesmal riefen die Geißlein nichts. „Das ist unsere Mutter!“, jubelten sie. Und sie machten die Tür auf.

Herein kam der Wolf! Die Geißlein sprangen davon. Eins unter den Tisch, eins ins Bett, eins in den kalten Ofen. Eins in die Küche, eins in den Schrank, eins unter die Waschschüssel. Das jüngste schlüpfte in den Kasten der großen Uhr. Der Wolf fand sechs und steckte sie in seinen großen Sack. Nur das jüngste fand er nicht. Dann trottete er zur Wiese, legte sich unter einen Baum und schnarchte. Chrrr, chrrr!

Mitmachen: Zählt an den Fingern mit: Wo verstecken sich die sieben Geißlein?

Bald kam Mutter Geiß nach Hause. Die Tür stand sperrangelweit offen. Die Stühle lagen umgekippt. Sie rief ihre Kinder, eins nach dem anderen. Nur eine feine Stimme antwortete: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten!“ Zusammen liefen sie zur Wiese. Da lag der Wolf und schnarchte. Neben ihm zappelte der Sack. Schnipp, schnipp! Mutter Geiß schnitt den Sack mit ihrer Schere auf. Heraus hüpften alle sechs, gesund und munter.

„Jetzt holt Wackersteine!“, flüsterte Mutter Geiß. Die Geißlein schleppten dicke Steine in den Sack. Mutter nähte ihn schnell zu. Der Wolf erwachte und schwang den schweren Sack auf den Rücken. Er brummte: „Was rumpelt und pumpelt in meinem Sack herum? Ich meinte, es wären sechs Geißlein, doch sind's lauter Wackerstein'!“ Am Bach bückte er sich zum Trinken. Der schwere Sack kippte ihn um. Platsch! Tropfnass rannte er in den Wald und kam nie wieder.

Die sieben Geißlein tanzten mit ihrer Mutter über die Wiese. „Der Wolf ist fort! Der Wolf ist fort!“ Am Abend lagen alle im Bett. Mutter Geiß zählte leise: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Alle waren sicher und warm zu Hause. Sie gab jedem einen Kuss auf die Nase. Draußen rauschte der Wald. Drinnen tickte die große Uhr ganz leise. Tick, tack, tick, tack.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut, mein kleines Geißlein, die Tür ist zu, die Uhr tickt leise, und niemand holt dich aus deinem warmen Bett.

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Der Wolf und die sieben jungen Geislein“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Es war einmal eine alte Geis, die hatte sieben junge Geislein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach „liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er herein kommt, so frißt er Euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.“ Die Geislein sagten, „liebe Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“ Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Hausthür und rief „macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht.“ Aber die Geiserchen hörten an der rauhen Stimme daß es der Wolf war, „wir machen nicht auf,“ riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rauh; du bist der Wolf.“ Da gieng der Wolf fort zu einem Krämer, und kaufte sich ein großes Stück Kreide: die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Hausthür und rief „macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht.“ Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Kinder und riefen „wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß, wie du: du bist der Wolf.“ Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach „ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber.“ Und als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und sprach „streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller dachte „der Wolf will einen betrügen“ und weigerte sich, aber der Wolf sprach „wenn du es nicht thust, so fresse ich dich.“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, das sind die Menschen.

Nun gieng der Bösewicht zum drittenmal zu der Hausthüre, klopfte an und sprach „macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heim gekommen und hat jedem von Euch etwas aus dem Walde mitgebracht.“ Die Geiserchen riefen „zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen daß du unser liebes Mütterchen bist.“ Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen daß sie weiß war, so glaubten sie es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Thüre auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten das fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fieng an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geis aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Hausthüre stand sperrweit auf: Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgend waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich als sie an das jüngste kam, da rief eine feine Stimme „liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“ Sie holte es heraus, und es erzählte ihr daß der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Endlich gieng sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geislein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnarchte daß die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten, und sah daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. „Ach Gott,“ dachte sie, „sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinunter gewürgt hat, noch am Leben sein?“ Da mußte das Geislein nach Haus laufen und Scheere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungethüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt gethan, so streckte schon ein Geislein den Kopf heraus, und als sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus, und waren noch alle am Leben, und hatten nicht einmal Schaden gelitten, denn das Ungethüm hatte sie in der Gier ganz hinunter geschluckt. Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter, und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte „jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Thier den Bauch füllen, so lange es noch im Schlafe liegt.“ Da schleppten die sieben Geiserchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, so viel sie hinein bringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfieng zu gehen und sich hin und her zu bewegen, so stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief er

„was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? ich meinte es wären sechs Geislein, so sinds lauter Wackerstein.“

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geislein das sahen, da kamen sie herbei gelaufen, riefen laut „der Wolf ist todt! der Wolf ist todt!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 5

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Für Eltern

Dieses Märchen hörten die Brüder Grimm aus der Maingegend, vermutlich von der Familie Hassenpflug. Schon 1812 stand es im ersten Band der Kinder- und Haus-Märchen, als Nummer 5 (KHM 5). Später floss auch eine elsässische Fassung von August Stöber mit hinein. Bis heute gehört es in vielen deutschsprachigen Familien zu den ersten Märchen, und Kinder rufen den Satz der Geißlein laut mit. Den Originaltext der Grimms in alter Schreibweise findest du unter der Geschichte.

Was wir geändert haben

Bei den Grimms verschluckt der Wolf die Geißlein, und am Ende ertrinkt er im Brunnen. In unserer Fassung trägt er sie in einem Sack fort und plumpst zum Schluss nur in den Bach, damit die Geschichte spannend bleibt, aber niemandem etwas geschieht.

Nacherzählt von talino.kids nach dem Märchen „Der Wolf und die sieben jungen Geislein“ (KHM 5) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857. Wilhelm Grimm notierte dazu: „Aus der Maingegend.“

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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