Ein Märchen der Brüder Grimm

Die Wichtelmänner

ab 3 Jahren · 4 Min. Lesezeit

Zweisprachig lesen:

Es war einmal ein Schuster in einer kleinen Stadt mit Fachwerkhäusern. Er und seine Frau waren sehr arm geworden. Dabei hatten sie gar nichts falsch gemacht. Nur noch Leder für ein einziges Paar Schuhe war übrig. Draußen lag Schnee, bald war Weihnachten. Am Abend schnitt der Schuster das Leder zu. Er legte es auf die Werkbank. „Gute Nacht“, sagte er leise. Dann ging er ruhig zu Bett.

Am Morgen rieb sich der Schuster die Augen. Da standen die Schuhe auf der Werkbank. Ganz fertig! Er nahm sie in die Hand. Kein Stich war falsch, nicht ein einziger. „Frau, komm schnell!“, rief er. Bald kam ein Kunde in die Werkstatt. Die Schuhe gefielen ihm so gut, dass er mehr bezahlte als sonst. Nun konnte der Schuster Leder für zwei Paar kaufen.

Am Abend schnitt er zwei Paar zu. Am Morgen waren die Schuhe fertig. In der nächsten Nacht waren es schon vier Paar. Abends schnitt er zu, morgens standen die Schuhe da. Abends schnitt er zu, morgens standen die Schuhe da. Wer da wohl half? Die Leute kauften gern. Bald hatten der Schuster und seine Frau genug zum Leben. Sonntags gab es sogar wieder Kuchen.

Mitmachen: Fragt zusammen ganz leise: Wer hilft da wohl in der Nacht?

Eines Abends, kurz vor Weihnachten, sah die Frau ihren Mann an. „Wollen wir nicht heute Nacht aufbleiben und sehen, wer uns so hilft?“ „Ja“, flüsterte der Schuster. „Das will ich auch wissen.“ Sie zündeten eine Kerze an. Dann versteckten sie sich in der Ecke hinter den Mänteln. Nur ihre Nasenspitzen schauten hervor. Sie warteten mucksmäuschenstill.

Um Mitternacht ging leise die Tür auf. Herein huschten zwei winzige Männlein. Sie waren barfuß und trugen nur dünne, zerrissene Hemdchen. Sie zitterten vor Kälte. Flink setzten sie sich an die Werkbank. Sie stachen, nähten und klopften. Tipp, tapp, Stich um Stich! Tipp, tapp, Stich um Stich! Der Schuster traute seinen Augen kaum. Als alles fertig war, sprangen die Männlein schnell davon.

Mitmachen: Klopft mit dem Finger auf die Decke und sprecht mit: Tipp, tapp, Stich um Stich!

Am Morgen sagte die Frau: „Die kleinen Männer haben uns reich gemacht. Wir wollen ihnen auch eine Freude machen. Sie frieren ja!“ Sie nähte Hemdchen, Röckchen, Westen und Höschen. Sie strickte warme Strümpfe. Der Schuster machte zwei Paar winzige Schühchen. Tipp, tapp, Stich um Stich – jetzt nähten sie selbst. Am Heiligen Abend legten sie die Geschenke auf die Werkbank. Diesmal lag kein Leder dort. Dann versteckten sie sich wieder.

Mitmachen: Rate mal: Was werden die Männlein wohl tun, wenn sie die Geschenke finden?

Um Mitternacht huschten die Männlein herein. Sie wollten gleich an die Arbeit. Doch da lag kein Leder, da lagen Kleider! Erst staunten sie. Dann jubelten sie. Schnell, schnell zogen sie alles an und sangen: „Sind wir nicht Knaben glatt und fein? Was sollen wir länger Schuster sein!“ Sie hüpften über Stühle und Bänke. Sie tanzten im Kreis. Und dann tanzten sie zur Tür hinaus.

Die Wichtelmänner kamen nie wieder. Aber dem Schuster und seiner Frau ging es gut, solange sie lebten. Draußen fiel leise der Schnee. Im Fenster brannte eine Kerze. Der Schuster und seine Frau saßen beisammen und lächelten sich an. Und vielleicht tanzen irgendwo im verschneiten Wald noch heute zwei kleine Männlein. Sie tragen warme Kleider und warme Schuhe. Und sie frieren nie mehr.

Und jetzt… Zeit zum Schlafen

Schlaf gut und kuschelig warm, so warm wie die Wichtelmänner in ihren neuen Kleidern – tipp, tapp, Stich um Stich.

Originaltext der Brüder Grimm lesen: „Die Wichtelmänner“

So steht das Märchen in der letzten von den Grimms selbst bearbeiteten Ausgabe – in der Schreibweise von 1857 und ungekürzt. Achtung: Das Original ist an manchen Stellen deutlich härter als unsere Gute-Nacht-Fassung.

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein. Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wußte nicht was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie Abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Muth an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand früh Morgens auch die vier Paar fertig; und so giengs immer fort, was er Abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach „wie wärs wenn wir diese Nacht aufblieben um zu sehen wer uns solche hilfreiche Hand leistet?“ Die Frau wars zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fiengen an mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am andern Morgen sprach die Frau „die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann sprach „das bin ich wohl zufrieden,“ und Abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen wie sich die Männlein dazu anstellen würden. Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen

„sind wir nicht Knaben glatt und fein? was sollen wir länger Schuster sein!“

Dann hüpften und tanzten sie, und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Thüre hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber gieng es wohl so lang er lebte, und es glückte ihm alles was er unternahm.

Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), Göttingen: Dieterich 1857 — KHM 39

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Für Eltern

Die Brüder Grimm hörten diese Geschichte von Dortchen Wild aus Kassel in Hessen. Sie steht seit der ersten Ausgabe von 1812 in den Kinder- und Hausmärchen, heute unter der Nummer KHM 39. In vielen deutschsprachigen Familien gehören die Wichtelmänner zur Advents- und Weihnachtszeit, und manche Kinder stellen sich vor, dass nachts kleine Helfer durchs Haus huschen. Den Originaltext der Brüder Grimm kannst du unter der Geschichte nachlesen.

Was wir geändert haben

Bei Grimm sind die Männlein nackt; bei uns tragen sie dünne, zerrissene Hemdchen und frieren, damit das Geschenk der Kleider trotzdem Sinn ergibt. Außerdem erzählen wir nur die erste der drei kurzen Wichtelmänner-Geschichten.

Nacherzählt von talino.kids nach dem ersten der drei Märchen „Die Wichtelmänner“ (KHM 39) der Brüder Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857. Die Grimms hörten die Geschichten von Dortchen Wild in Hessen.

Bildstil inspiriert von den Grimm-Illustrationen Otto Ubbelohdes (1907–1909) und Ludwig Richters. Bilder KI-generiert.

Text: mit KI nacherzählt und geprüft · Bilder: KI-generiert

Die Fassungen in anderen Sprachen sind maschinell übersetzt und von KI geprüft. Verbesserungen sind herzlich willkommen.

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